Anwendungsbereich der forensischen Linguistik

Die forensische Linguistik untersucht inkriminierte sprachliche Äußerungen in Hinblick auf ihre Form, ihren Inhalt und den Äußerungszusammenhang. Äußerungen können einzelne Wörter, Sätze oder auch ganze Texte sein und sie können in geschriebener oder in gesprochener Form vorliegen. Ein forensischer Linguist analysiert also Briefe ebenso wie Gespräche.

Die Fragestellungen an das sprachliche Material sind fallabhängig sehr unterschiedlich. Sehr spezifisch ist z.B. folgende Fragestellung: Der anonyme Verfasser eines Briefes, der auf Deutsch geschrieben ist und viele Fehler enthält, behauptet, Russe zu sein. Könnte er stattdessen Muttersprachler des Ungarischen sein?

Schriftliche Äußerungen

Inkriminierte schriftliche Texte sind typischerweise Tatschreiben (Erpresserschreiben, Drohbriefe, Bekennerschreiben oder Schmähschreiben) oder sog. Bezichtigungen (der eigenen Person oder anderer Personen), die in Papierform oder in elektronischer Form vorliegen können.

 

Eine forensische Textanalyse soll üblicherweise klären, ob eine bestimmte Person den Text geschrieben haben könnte, oder ob die Aufzeichnungen echt oder gefälscht sind. Ist der Text von Hand geschrieben, kann auch die Handschriftenanalyse zur Identifizierung des Schreibers beitragen.

 

Aber auch jeder andere Text kann juristisch oder ermittlungstechnisch relevant werden. So können Abschiedsbriefe oder Tagebuchauszüge wichtig werden, wenn die Todesursache des (Selbstmord)Opfers fraglich ist. Im Zusammenhang mit Erbschaftsstreitigkeiten können z.B. Briefe dann zu inkriminierten Texten werden, wenn sie zentrale Inhalte eines Testaments widerrufen. Gibt es SMS-Botschaften zwischen Tatverdächtigen, so können sie z.B. dazu dienen, einen Tathergang zu rekonstruieren. 


Mündliche Äußerungen

Mündliche Texte können aufgezeichnete Gespräche oder Telefonanrufe, Geständnisse oder Zeugenaussagen sein. Bei der Gesprächsanalyse liegt der Fokus auf der Analyse der Gesprächsstruktur und dem sprachlichen Verhalten der Gesprächsteilnehmer. Mit den stimmlichen Eigenschaften der Sprecher befasst sich die forensischen Phonetik.

 

Auch bei den mündlichen Texten können die Fragen an das Material sehr unterschiedlich sein. Die Analyse des Gesprächs und seiner Struktur kann z.B. klären, ob jemand tatsächlich in eine Bestechung eingewilligt hat oder ob ein illegales Geschäft abgewickelt wurde. 

 

Bei mündlichen Zeugenaussagen kann eine linguistische Analyse z.B. dazu dienen, verschiedene Aussagen einer Person zum Tathergang abzugleichen. In einem Fall diente dies beispielsweise dazu, die Beteuerung des Angeklagten, er könne sich an einen bestimmten Zeitabschnitt nicht erinnern, zu stützen.