Möglichkeiten und Grenzen forensisch-linguistischer Expertise

Forensische Linguistik kann Vieles aus einem Text entnehmen, was dem ungeübten Auge entgeht, und kann mehr über einen Text oder seinen Verfasser sagen, als der Laie zunächst erwarten würde. Wo die Grenzen der Disziplin liegen, zeigen die Antworten auf folgende Fragen, welche häufig in diesem Zusammenhang gestellt werden.

Gibt es einen sprachlichen Fingerabdruck?

Einen sprachlichen Fingerabdruck (oder auch engl. 'linguistic fingerpint'), den ein Mensch mit seiner Sprachverwendung hinterlassen würde, gibt es nicht. Linguistisch besehen, erfüllt die Sprache eines Individuums die drei Kennzeichnen des biologischen Fingerabdrucks nicht: 

  • Sprache ist nicht individuell in dem Sinn, dass sie auf ein Individuum - und nur dieses eine - verweisen würde,
  • Sprache ist nicht unveränderlich und
  • die Sprache des einen Sprachbenutzers ist von der Sprache eines anderen Sprachbenutzers nicht problemlos unterscheidbar.

Kann eine forensische Textanalyse einen Täter identifizieren?

Da es keinen sprachlichen Fingerabdruck gibt, kann aus einer unbekannt großen Menge potentiell Verdächtiger auch niemand den Täter allein aufgrund seines Sprachgebrauchs „herausfischen“.

Durch unterschiedliche Anwendungsverfahren kann die forensische Linguistik den Sprachgebrauch einer Person herausarbeiten und sichtbar machen.

Ist niemand Verdächtiges bekannt, kann die Textanalyse den möglichen Verfasser zunächst nur allgemein beschreiben. Gibt es aber einen Verdächtigen, so kann eine vergleichende Textanalyse dazu beitragen, bereits bestehende Hinweise auf diese Person zu bestätigen oder auch zu entkräften.


Kann eine Textanalyse zeigen, dass die Person lügt?

Eine Textanalyse kann zeigen, dass es Inkonsistenzen hinsichtlich der präsentierten Sprach- und Schreibkompetenz gibt, so dass daraus ggf. gefolgert werden kann, dass sich die Person in diesem Punkt verstellt: Sie ist sprachlich möglicherweise routinierter als sie vorgibt oder sie ist nicht so gebildet, wie sie gerne erscheinen möchte.

 

Eine Textanalyse kann auch herausarbeiten, dass es Lücken oder Widersprüchlichkeiten in der Textstruktur gibt, die damit gegen die Normalform des Textes verstoßen. Derartige Erkenntnisse können Ausgangspunkt für weitere Untersuchungen oder Nachfragen an den Autor bzw. den Verdächtigen sein.

 

Weshalb der Text diese Besonderheiten zeigt, ist damit noch nicht geklärt. Möglicherweise hat der Text mehr als einen Autor oder der Verfasser steht unter starkem Stress. Dass die Besonderheiten auch ein Ausdruck sprachlicher Täuschung sein können, ist nicht ausgeschlossen. Doch auch hier gilt: Sprachliche Ausdrücke können für beliebige kommunikative Situationen gebraucht werden, für das Lügen sind keine Ausdrücke reserviert.