Nutzen forensisch-linguistischer Expertise

Forensische Textanalyse macht sich zunutze, dass Schreiber und Autoren selten wissen, dass sie Spuren mit ihrem Text hinterlassen und welche dies sind. Vieles in unserem Sprachgebrauch ist durch Vorgaben von außen bedingt oder basiert auf sprachlichen Routinen, die automatisiert ablaufen. Sie zu kontrollieren oder sich ihrer bewusst zu sein, ist kaum oder nur eingeschränkt möglich. Forensische Textanalyse arbeitet durch unterschiedliche Anwendungsverfahren den Sprachgebrauch einer Person heraus und macht ihn sichtbar.

Wer kann Nutznießer forensisch-linguistischer Expertise sein?

Nutznießer forensisch-linguistischer Expertise kann jeder sein, der sich der Aussagekraft des sprachlichen Materials vergewissern möchte, sei es im Vorfeld oder im Zuge eines möglichen gerichtlichen Verfahrens zum Zwecke der Beweisführung.

 

Die Hinzuziehung einer solchen Expertise ist sinnvoll,

  • wenn Klarheit über Inhalt und Form, Bedeutung und Relevanz eines Wortes, Satzes oder Textes erzielt werden soll,
  • wenn der Verdacht besteht, dass der Text nicht vom Autor stammt,
  • wenn die mögliche Identität eines anonymen Autors ermittelt werden soll,
  • wenn andere kriminaltechnische Mittel keine eindeutigen Ergebnisse gebracht haben.

Die Ergebnisse der linguistischen Analyse können dann ggf. eine Sichtweise stärken und die andere schwächen. D.h., eine forensische Analyse kann z.B. auch zeigen, dass der Beschuldigte eher nicht als Verfasser infrage kommt und ihn damit entlasten.


Hilfestellungen durch die forensische Linguistik

In den meisten Fällen können wir als Sprecher unserer Muttersprache sehr gut beurteilen, wie wir eine Äußerung oder einen Text zu verstehen haben. Forensische Linguistik kann Hilfestellung bei solchen sprachlichen Unklarheiten leisten, die von den Beteiligten selbst nicht beseitigt werden können. Die Hilfestellung des Linguisten besteht darin, explizit zu machen, woher die Unklarheit rührt, worüber die Parteien uneins sind, und wie sich das Problem aus linguistischer Sicht darstellt. Daraus kann häufig auch eine Empfehlung oder ein Lösungsvorschlag abgeleitet werden.

 

Eine wichtige kommunikative Aufgabe des Linguisten ist es, den Prozessbeteiligten die jeweils relevanten wissenschaftliche Erkenntnisse über Sprachsystem und Sprachgebrauch nachvollziehbar zu vermitteln, ohne dabei das bereits vorhandene Sprachwissen zu negieren. Als Sprecher unserer Sprache teilen wir alltagsweltliche Annahmen über Sprache, die nicht immer den wissenschaftlichen Erkenntnissen entsprechen. 

Soll eine Beweisführung mit sprachlichem Material auf Akzeptanz stoßen, gilt es, an dieses alltagsweltliche Wissen sinnvoll anzuknüpfen.



Knowing that ≠ knowing how

Zwischen einer linguistischen und einer laien-linguistischen Bewertung einer Äußerung gibt es einen bedeutsamen Unterschied. Als Sprecher einer Sprache wissen wir genau, wie wir unsere Sprache in bestimmten Situationen zu gebrauchen haben (knowing that).

Was wir  im allgemeinen aber nicht können, ist, adäquat zu beschreiben, nach welchen Regeln wir unsere Sprache benutzen und was die Korrektheit eines Ausdruck in einer bestimmten Situation ausmacht (knowing how). Hierzu benötigen wir fachliches Wissen und ein entsprechendes Vokabular.

 

Sprecherwissen explizit machen

Eine linguistische Analyse macht das implizite Wissen des Sprechers über den Bau seiner Sprache und die Regeln des Sprachgebrauchs explizit: Sie beschreibt es und erklärt es den Beteiligten. Dazu bedient sich die Linguistik ihres fachwissenschaftlichen Instrumentariums. Sie ermöglicht es den Beteiligten, selbst zu einer neuen Bewertung der Äußerung zu kommen.